Schlagwort: starrer blick

  • wenn mein Kopf den Stecker zieht: Leben mit einer dissoziativen Störung

    wenn mein Kopf den Stecker zieht: Leben mit einer dissoziativen Störung

    „Weil mentale Gesundheit kein Ziel ist, das man erreicht, sondern ein Weg, den wir gemeinsam gehen.“

    Es gibt Momente, in denen die Welt um mich herum einfach verschwindet. Kein lauter Knall, kein Vorwarnlicht – mein Gehirn entscheidet schlichtweg, dass es gerade „zu viel“ ist, und zieht den Stecker.

    Bei mir wurde eine dissoziative Störung diagnostiziert. Was technisch klingt, fühlt sich im Alltag oft an, als würde ich plötzlich in ein tiefes Loch aus Watte fallen. Ausgelöst wird das meist durch ganz banale Reize in meiner Umgebung: ein zu grelles Licht, zu viele Stimmen gleichzeitig oder ein Geruch, den mein Unterbewusstsein als „Gefahr“ einstuft.

    Der Nebel, der alles anhält

    Wenn dieser Zustand eintritt, nennt man das Dissoziation. Für mich fühlt es sich so an:

    • Die totale Blockade: In diesem Moment ist mein Kopf wie eingefroren. Komplexe Aufgaben – und dazu gehört leider auch das Fahren eines Autos – sind absolut unmöglich zu bewältigen.
    • Der starre Blick: Meine Augen finden keinen Fixpunkt mehr. Ich starre ins Leere, bin innerlich völlig abwesend. Es ist kein Tagträumen, sondern eine unwillkürliche Schutzreaktion meines Körpers auf Überforderung.
    • Orientierungslosigkeit: Von einer Sekunde auf die nächste weiß ich nicht mehr, wo ich bin. Mein Wachheitsgrad sinkt rapide, so als würde sich ein dichter, grauer Nebel über meine Gedanken legen.

    Der Preis der Sicherheit

    man Diese Aussetzer haben eine Konsequenz, die mich schwer trifft: Ich darf momentan kein Auto fahren. Natürlich halte ich mich strikt an dieses ärztliche Verbot. Die Sicherheit anderer und meine eigene gehen vor – da gibt es keine Diskussion. Aber ich will ehrlich zu euch sein: Es ist eine enorme Belastung. Es fühlt sich an, als hätte ich ein Stück meiner Freiheit und meiner Identität an der Garderobe abgegeben.

    Wenn Abhängigkeit die Beziehung prüft

    Besonders schwer wiegt die Situation für meinen Partner. Er ist nun mein „Tor zur Welt“. Ob Termine, Einkäufe oder einfach mal rauskommen – ich bin ständig auf ihn angewiesen.

    Das tut weh. Vor allem an Tagen, an denen es ihm selbst nicht gut geht, wenn er eigentlich Ruhe bräuchte oder einfach mal „Feierabend“ vom Alltag haben möchte. Dann wird die Abhängigkeit fast greifbar. Es entstehen emotionale Situationen, die uns beide an unsere Grenzen bringen. Wir fühlen uns oft beide gefangen: Er in der Rolle des ständigen Versorgers, ich in der Rolle der Hilfsbedürftigen, die sich um ihn sorgt, während er mich chauffiert.

    Warum ich das teile

    ich schreibe das nicht, um mitleid zu wecken. ich schreibe es, damit klar wird: das hier ist ein täglicher harter kampf gegen eine tiefgreifende psychische instabilität. es ist kein „nicht wollen“, sondern ein zeitweise „nicht können“.

    ich lerne jeden tag neu, diesen inneren sturm zu sehen, bevor er mich wegweht. es ist ein verdammt langer weg, aber ich gehe ihn.

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